Start - Sport, Vereine und Freizeit - „Unsere Radzwillinge haben den zweiten 7-Summits bestiegen. Den Mount Elbrus Non Stopp vom Meer”
„Unsere Radzwillinge haben den zweiten 7-Summits bestiegen. Den Mount Elbrus Non Stopp vom Meer” PDF Drucken E-Mail

radzwillinge_2010_20100810_1048481671Am 17.Juni 2010 flogen wir von Wien über Moskau nach Mineralny Vody. Wir reisten in einem extrem kleinen Team. Horst und ich und unsere Freunde und zugleich Kameramänner Jörg Krasser und Hermann Fink. Gut, dass Hermann mir erst nach dieser Reise die Absturzrate der Aeroflot Linie verriet. [zu den Bildern]

Den Inlandsflug von Moskau nach Mineralny Vody flogen wir mit einer Tupolev. Wir hörten, dass diese Maschinen oft etwas schlecht gewartet wurden. Mit einem leisen Schluchzen stiegen wir in die Maschine. Aber siehe da, sie hob super ab. Es war zwar etwas laut im Inneren aber sonst funktionierte scheinbar alles ganz gut. Einzig allein bei der Landung als die Schubumkehr eingeschalten wurde, begann das „Ding“ so zu vibrieren, dass die Handgepäcksläden oberhalb von uns auf gingen. Aber wir waren wieder auf sicheren Boden und wir waren heil froh darüber. Von Mineralny Vody fuhren wir mit einem Kleinbus nach Azau bei Terskol in den Zentralkaukasus. Schon nach den ersten Kilometer wussten wir über die russischen Straßen Bescheid. Schlafen während der Fahrt oder auch nur etwas trinken, war durch die Schüttlerei absolut nicht möglich. Komplett neue Eindrücke hielten uns trotz Nachtflug völlig wach. In eine ganz andere Welt tauchten wir nun ein. In Azau wurden wir herzlich von Liza Pahl empfangen. Sie organisierte uns die Tour und alle Transfers vor Ort in Russland. Die ersten fünf Tage nützten wir zur Höhenanpassung. Zuerst stiegen wir auf den Cheget (3.461m). Wir durchwanderten eine zauberhafte Blumenwelt. Der Weg über  Schipiste auf den Gipfel war sehr einfach und passte gut für die erste Höhenanpassung..

In den folgenden vier Tagen passten wir uns am Elbrus an die Höhe an. Tag für Tag stiegen wir höher. Wir übernachteten in den Barrels. Hier stehen einige Container als Übernachtungsmöglichkeit. Schockierend waren hier die riesig großen Schutthalden rund um die Container und auch unten in Azau. Lauter Gerümpel wie alte Stahlseile, Stahlkonstruktionen, alte Motore, Restmüll von alten Baustellen lagen ungeordnet umher. Als Europäer musste man sich an diesen Anblick erst gewöhnen.

Am fünften Tag wagten wir den Gipfelsturm auf den 5.621m hohen Ostgipfel. Bei schönstem Wetter stiegen wir von den Barrels in 3.700 m Höhe vorbei an der verfallenen Hütte Priut 11 (4.065m) zu den Pastukhova Felsen auf ca. 4.690m. Von hier kam eine weite Flanke mit einer anschließenden Querung. Anschließend erreichten wir den Sattel auf 5.416 Meter. Die Bedingungen waren perfekt. Kein Wind, sehr mild und eine gute Schneebeschaffenheit. Das Steigen fiel uns relativ leicht. Am Sattel trennten wir uns. Jörg und Hermann gingen auf den Westgipfel. Horst und ich stiegen wie geplant auf den etwas niedrigeren Ostgipfel. Bei schönstem Wetter erreichten wir mit wenig Mühe den Ostgipfel. Wir waren allein, keine Bergsteiger außer uns stiegen heute auf diesen Gipfel. Wir waren sehr glücklich unser erstes Ziel in dieser Reise erreicht zu haben.

 

Voll motiviert stiegen wir wieder zum Sattel ab. Da das Wetter so gut war und wir auch noch sehr gut in der Zeit lagen, entschieden wir uns noch auf den Westgipfel zu steigen. Doch dieser forderte uns schon weit mehr. Vermutlich war es etwas zu ehrgeizig von uns auch gleich noch auf den Westgipfel zu steigen. Horst spürte körperlich diese Tour sehr stark.

Er klagte auch schon den ganzen Tag über Zahnschmerzen.

 

Nach dem Abstieg ins Tal übernachteten wir noch einmal in Azau.

Am nächsten Tag schon fuhren wir mit einem Kleinbus von Azau nach Tuapse am Meer. Die ca. 600 km lange Strecke fuhren wir in 12 Stunden. Leider fanden wir weder in Terskol noch in den größeren Orten im Tal einen Zahnarzt für Horst. Beziehungsweise gefunden haben wir schon einen Zahnarzt. Nur in diesem Ort war gerade kein Strom und so konnte er nichts machen für meinen Bruder.  Er musste somit die gesamte Fahrt hindurch mit seinem Zahnschmerz leben. Das war natürlich psychisch sehr anstrengend für Horst.

Spät abends erreichten wir Tuapse. Der Fahrer Kemal, Liza, Jörg, Horst und ich waren wahnsinnig müde von der Fahrt. Am nächsten Tag war der erste Weg mit Horst zur Zahnklinik. Hier konnte ihm provisorisch geholfen werden. Endlich war der Zahnschmerz vorbei. Sichtlich erleichtert kam er aus dem OP Saal. Er wurde noch einmal hinbestellt, denn die Ärztin lies den Zahn durch die starke Blutung offen.

Nach einem weiteren Tag in Tuapse entschieden wir uns für den Start am 25.Juni gegen Abend. Es war eine Lotterie oder besser gesagt ein russisches Roulett. Wir mussten bei der Startentscheidung viele Parameter beachten. Das Wetter am Berg, das Wetter beim Start. Dazwischen lagen über 600 Kilometer. Wie konnten wir sicher gehen, dass die Wetterprognosen zuverlässig waren. Hektik und Ungewissheit breitete sich aus. Den Start legte ich statt wie geplant um 18 Uhr am Abend um eine Stunde nach vor. Der Grund dafür war eine zehn Kilometer lange Schotterstraße über den ersten Pass nach Tuapse. Und das war keine normale Schotterstraße, nein, das war eine russische Schotterstraße mit großen, kantigen Schotter, der mit dem Rennrad nur im Schritttempo zu meistern war.

Doch unser Start in Tuapse wurde durch einen wolkenbruchartigen Regenfall fast verhindert. Ein Großteil der Straßen war überflutet. Zusätzlich musste Horst noch einmal in die Zahnklinik, um seinen Zahn fertig machen zu lassen. Der Zahn war noch immer offen. Dazwischen gingen wir noch schnell essen. Es begann wieder zu regnen. Dazwischen bekamen wir eine SMS von Liza, dass wir den Start verschieben werden. Erleichterung war unsere erste Reaktion. Der Regen hörte dann aber Gott sei Dank wieder auf. Kurz darauf kam wieder eine SMS von Liza: Wir starten doch, denn das Wetter am Berg hält nur mehr die nächsten zwei Tage. Wir gingen schnell einkaufen und im Laufschritte marschierten wir in die Unterkunft. Es war bereits 16 Uhr. Der geplante Start um 17 Uhr war unmöglich zu halten. In der Unterkunft angekommen begannen wir mit dem Richten des Proviants. Beim Verladen der Sachen ins Betreuerauto begann es wieder zu regnen. Jetzt gab es kein zurück. Im Eilzugstempo arbeiteten wir an den Vorbereitungen weiter. An eine kurze Ruhephase, die wir immer bei solchen Touren knapp vor dem Start einlegten, war nicht zu denken. Endlich war alles verpackt. Wir schnappten unsere Räder und schulterten sie zum Meer, denn unsere Unterkunft stand in einem extrem steilen Gelände, welche nur zu Fuß erreichbar war. Am Strand angekommen schossen wir noch einige Startbilder und um Punkt 18:50 Uhr starteten wir am Strand von Tuapse. Mit viel Glück fanden wir befahrbare Straßen, die nicht durch den vielen Regen überflutet waren.

 

Die Nachtfahrt war sehr anstrengend. Wenig Straßenbeleuchtung und schlechte Straßen erschwerten das Fahren. Die Übermüdung bereits vor dem Start setzte uns zu. Sekundenschlaf war die Folge. Aber nicht nur einmal. Viele, viele Male nickten wir ein. Kurze Schlammpassagen, in denen wir stecken blieben, machten die Fahrt erst so richtig „russisch“.

Wir schoben das Rad um weiter zu kommen. Durch den Regen zuvor wurde aus einer staubigen Schotterstraße eine Schlammstraße. Die LKW’s, die uns überholten spritzten uns mit Schlammpatzen an. Das war kein wirklicher Spaß dort zu fahren. Dazwischen überstanden wir noch eine Hitzewelle von ca. 40° Celsius knapp vor Mineralny Vody. Unsere Sitzflächen waren durch den Sand der Schlammpisten wund gewetzt worden. Jetzt in der Hitze, wo wir viel schwitzten begann alles höllisch zu brennen. Der enorme Verkehr, und die dadurch sehr schlechte Luft, war eine weitere große Belastung für uns.

Doch endlich haben wir Baksan erreicht. Endlich verließen wir diese Mörderstraße. „Nur“ noch 110 Kilometer in das Tal nach Terskol. Die Strecke führte stets ansteigend ins Tal. Wir sind gute Bergfahrer, aber ein 110 Kilometer langer Anstieg war auch für uns eine neue Dimension. Nach 621,3 Kilometer, 5.230 Höhenmeter und einer Gesamtfahrzeit von 27 ½ Stunden erreichten wir den Ausgangspunkt in Azau bei Terskol.

 

Bei der Ankunft in Azau überraschte uns noch ein heftiges Gewitter. Es war unser Willkommensgruß vom Elbrus. Wir mussten das Wetter etwas abwarten und nutzten die Zeit für das Auffüllen der leeren Speicher im Körper. Wir duschten auch kurz, denn unsere Gesichter waren schwarz vom Schmutz.  Es ist bereits Sonntag geworden. Um 3:35 Uhr stiegen wir von Azau los. Die ersten Schritte waren brutal schwer. Die Übermüdung, die andere Art der Bewegung und die Finsternis hemmten uns gewaltig. Jörg ging auch mit und filmte. Nach 3 ½ Stunden Gehzeit erreichten wir die Barrels in 3.700 Meter Höhe. Hermann erwartete uns bereits. Er kochte für uns auf. Eine warme Suppe mit Brot sowie Wurst mit Brot und Käse, eine große Portion Cornflakes und Schokolade schmeckten phantastisch gut. Es war enorm wichtig soviel wie möglich Energie in den Körper zu bringen.

 

Um 8:34 Uhr starteten wir zum Gipfelsturm. Jörg blieb im Container zurück. Bereits die ersten Schritte gingen etwas mühsam. Hermann kontrollierte das Tempo. Ab 4.500 Meter wurde der Schnee tiefer. Die Schritte wurden immer mühsamer. Erste Zweifel kamen bei mir auf, den Gipfel überhaupt zu erreichen. Am Sattel auf 5.400 Meter wurden wir vom Nebel überrascht. Es war schon spät, die Sicht war extrem schlecht und unsere Kräfte neigten sich dem Ende zu. Zum Nebel gesellten sich noch Kälte (-10° Cel.) und starker Schneefall. Wir hätten es nicht mehr geschafft den Neuschnee von ca. 20-30 cm zu spuren. Hermann übernahm zur Gänze die Spurarbeit.  Schritt für Schritt, Meter um Meter quälten wir uns empor. Immer wieder mussten wir anhalten und in Ruhe durchschnaufen. Die Belastung war in den letzten Stunden enorm hoch. Und wieder motivierten wir uns, den nächsten Schritt zu setzen. Wie lange noch?,  fragte ich mich. Warum tust du dir so etwas an? Du könntest jetzt irgendwo am Strand sitzen und baden gehen. Nein, du Dummkopf gehst komplett übermüdet auf diesen „Hügel“ hinauf.  Mit letztem Einsatz, mit unseren letzten Energiereserven und mit einem recht hohen Risiko erreichten wir um 17:05 Uhr den Gipfel. Endlich geschafft. Für ein paar Sekunden konnten wir uns freuen. Endlich sind wir da oben. Wir konnten es gar nicht glauben, denn noch vor vielen Stunden in Azau nach der Radstrecke konnten wir uns ein Weitergehen gar nicht vorstellen. Und jetzt stehen wir am höchsten Berg Europas.  Doch noch konnten wir uns nicht freuen, denn körperlich schwer angeschlagen begann nun der lange, beschwerliche Abstieg bei extrem schlechter Sicht. Erst im sicheren Lager ist diese Tour gewonnen. Immer wieder schwankte ich und ein Schwindelgefühl kam auf. Ich hatte vor der Steilflanke großen Respekt. Dort reichte ein kleiner Ausrutscher und alles wäre zu Ende gewesen. Horst ging es besser. Sehr kontrolliert stieg er die Steilstufe nach unten. Mit größter Konzentration meisterte auch ich diese Passage. Hermann lotste uns aus dieser Nebelhölle. Der restliche Abstieg funktionierte auch noch gut. Ausgelaugt und tot-müde erreichten wir um 20:30 Uhr gesund die Barrels. Als wir nach hinten sahen, stand er da, der Elbrus, und er zeigte sich ohne von Wolken umgeben in seiner vollen Pracht.

Liza und Jörg gratulierten uns als erste. Völlig erschöpft fielen wir ins Bett.

 

Herzlichen Dank an das gesamte Team: Liza Pahl für die Top Organisation und für die perfekte Betreuung an der Radstrecke. Kemal für die sichere Fahrt nach Tuapse und retour. Jörg für die Dreharbeiten und die perfekte Betreuung an der Radstrecke. Und an Hermann für die anstrengenden Dreharbeiten am Berg und für deine Spurarbeit am Berg. Ohne Hermann hätten wir vermutlich den Gipfel nicht erreicht.

 

 

 

 

 

Die Radzwillinge

Gernot und Horst Turnowsky

www.radzwillinge.at